24.03.2012
von Hans Gäng

Axel Stepken:”Asien ist weit mehr als China und Indien”

Interview mit Dr. Axel Stepken, ASEAN-Sprecher im Asien-Pazifik Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA)

Als Aussteller, Partner und Besucher der GlobalConnect haben Sie mehrere Möglichkeiten, ihre Zielgruppen zu erreichen: Die zehn ASEAN-Staaten sind dabei, eine bedeutende Region im Welthandel zu werden. Die enorm wachsende Mittelschicht und ein daraus resultierender Bedarf an Konsumgütern, Dienstleistungen, Produktionsanlagen und Infrastruktur bieten großes Potenzial für den deutschen Mittelstand. Im Interview spricht Dr. Axel Stepken, ASEAN-Sprecher der Deutschen Wirtschaft und TÜV-Süd-Chef, über Chancen im ASEAN-Raum, das geplante Freihandelsabkommen der EU sowie die Aktivitäten des TÜV Süd in der Region.

Herr Dr. Stepken, wie bewerten Sie aktuell das Engagement der deutschen Wirtschaft, insbesondere des Mittelstandes, in den ASEAN-Staaten? Welches Potenzial bieten die kleineren Staaten?

Der Verbund südostasiatischer Staaten ist auf dem Weg, eine besonders bedeutende Region im Welthandel zu werden. Die zehn ASEAN-Länder haben das Ziel formuliert, bis 2015 eine gemeinsame Freihandelszone zu errichten. Mit rund 600 Mio. Menschen ist der Staatenverbund als Ganzes betrachtet die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt und bietet aufgrund des Bevölkerungswachstums, steigender Einkommen und eines hohen Bedarfs beim Ausbau der Infrastruktur insbesondere für den deutschen Mittelstand große Chancen.

Welchen ASEAN-Ländern sollten Mittelständler besonderes Augenmerk schenken?

Für mittelständische Unternehmen sind ASEAN-Länder wie Indonesien, Thailand, Vietnam und Malaysia oder der Stadtstaat Singapur für den ersten Schritt nach Asien gut geeignet. Wir haben bei unseren Kunden aus dem Mittelstand oft die Erfahrung gemacht, dass es in den ASEAN-Ländern gut gelingen kann, in einem spezifischen Marktsegment schnell zu wachsen und ein etablierter Partner im lokalen Markt zu werden. Trotzdem sollte man die Herausforderungen nicht unterschätzen: Dazu gehören derzeit noch Defizite in der städtischen Infrastruktur oder behördliche Regelungen, die ausländischen Investoren wie einheimischen Unternehmen durchaus den Alltag erschweren. Strategisch wichtig ist, dass der ASEAN-Verbund zukünftig ohne Zollschranken mit China handeln wird – das macht ihn auch als Brückenkopf für das Reich der Mitte interessant. Schon heute haben China und die ASEAN-Staaten Zollfreiheit für fast 7.000 Produkte umgesetzt. Eine wichtige Entwicklung, denn nicht nur die deutschen Großunternehmen, auch der Mittelstand hat sich längst darauf eingestellt, dass Asien weit mehr ist als China und Indien.

Die Euro-Krise, zunehmende Staatsverschuldung und Turbulenzen an den Finanzmärkten trüben die Aussichten für die Weltwirtschaft. Wie schätzen Sie die konjunkturelle Entwicklung in den ASEAN-Staaten 2012 ein?

Angesichts der ökonomischen Friktionen in der EU und in den USA werden deutsche Unternehmen ihren Blick verstärkt auf neue Wachstumsregionen richten müssen – eine besonders viel versprechende, jedoch auch herausfordernde Region sind die ASEAN-Staaten. Mit einem Gesamtwachstum der ASEAN-Länder von 7,8% im Jahr 2010, einem prognostizierten Anstieg von 5,5% im laufenden Jahr und 5,7% 2012 bilden diese Länder eine der dynamischsten Regionen weltweit. Ein enormer Ausbau der Mittelschicht ist Garant für anhaltendes Wachstum. So werden alleine in Indonesien bereits 2014 150 Mio. Menschen der Mittelschicht angehören, nachdem es 2004 gerade einmal 1,6 Mio. waren. Die Konsumenten fragen nach hochwertigen Konsumgütern und Dienstleistungen – zum Beispiel nach guter medizinischer Versorgung. Gleichzeitig wächst der Bedarf an modernen Produktionsanlagen sowie an Infrastruktur und Logistikdienstleitungen.

Welche Strategien verfolgen deutsche Unternehmen primär in den ASEAN-Staaten – kostengünstige Produktion oder Erschließung neuer Märkte?

Ein gemeinsamer ASEAN-Binnenmarkt bietet enorme Chancen für die deutsche Wirtschaft – doch ist dies allein noch kein Garant für hohen Absatz. Diese Erfahrung haben deutsche Unternehmen auch im EU-Binnenmarkt gemacht. Die außerordentliche Vielfalt der ASEAN-Region mit Blick auf Religion, Sprache und Entwicklungsstand verlangt eine intensive Auseinandersetzung mit den lokalen Märkten. Ein “one size fits all”-Ansatz ist wenig Erfolg versprechend. Viele deutsche Unternehmen nutzen die landesspezifischen Standortvorteile einzelner ASEAN-Mitglieder und verknüpfen sie miteinander.

Wie ist der aktuelle Stand der Freihandelsabkommen der EU mit asiatischen Ländern?

Die Europäische Kommission hat 2007 ein Verhandlungsmandat für ASEAN, Indien und Südkorea erhalten, ein Schritt, auf den die deutsche Wirtschaft lange gewartet hat. Der APA, in dem ich mich zusammen mit anderen Unternehmensvertretern engagiere, hat sich seit Jahren nachdrücklich dafür eingesetzt. Das erste dieser Abkommen wurde im Juli 2011 mit Südkorea in Kraft gesetzt. Die Verhandlungen mit Indien laufen nicht so erfolgreich, wie wir das erhofft hatten. Wir wollen ein Abkommen, das den Namen Freihandelsabkommen wirklich verdient, Indien will viele Zölle dauerhaft beibehalten. Bei den Verhandlungen mit ASEAN hat die Europäische Kommission 2009 aufgrund schwieriger Rahmenbedingungen beschlossen, auf bilaterale Gespräche umzuschwenken. Die Verhandlungen mit Singapur stehen kurz vor einem Abschluss, und auch mit Malaysia scheint ein Abkommen in Sicht. Mit weiteren Ländern dauern die Vorgespräche seit 2010 an.

Welche Rolle spielen die ASEAN-Staaten für TÜV Süd?

Südostasien ist ein wichtiger Eckpfeiler unserer Wachstumsstrategie. Wir haben 1997 ein Büro in Indonesien eröffnet – und seitdem unsere ASEAN-Präsenz konsequent ausgebaut. Ein wichtiger Meilenstein war die Übernahme der PSB-Gruppe in Singapur im Jahr 2005. Unsere Präsenz auf den ASEAN-Märkten ist die logische Folge der zunehmenden Globalisierung und der weltweiten Handelsströme. Als “Enabler” der Globalisierung übernehmen wir nicht nur die Kontrolle der internationalen Liefer- und Produktionsketten, sondern auch die Zertifizierung von Produkten und Prozessen. Unsere Prüfungen folgen weltweit den gleichen Standards – eine Voraussetzung für die Vergleichbarkeit von Angeboten und einen wirklich fairen Wettbewerb.

Welche Dienstleistungen bieten Sie in den ASEAN-Staaten an?

In Südostasien haben wir uns auf die besonderen Stärken dieser Märkte ausgerichtet – insbesondere auf die Spitzenposition der ASEAN-Staaten bei der Herstellung von Textilien, Bekleidung und Schuhen. Allein in den letzten drei Jahren hat TÜV Süd hier deshalb über 10 Mio. EUR in Infrastruktur für die Prüfung von Textilien und Lebensmitteln investiert – entsprechende Prüfeinrichtungen unseres Hauses gibt es aktuell in Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand, auf den Philippinen und – seit 2010 – auch in Vietnam.

Welchen wichtigen Rat würden Sie anderen deutschen Unternehmern bei der Expansion in den ASEAN-Raum geben?

So groß sind die Unterschiede zwischen Asien und Europa eigentlich nicht: Sorgfältige Partnersuche vor Ort ist überall entscheidend! Unser Vorteil als Deutsche: Partner in Asien schätzen unsere deutsche Gründlichkeit und Zuverlässigkeit. Auf dieser Grundlage lassen sich hervorragende Geschäftsbeziehungen entwickeln!

Zur Person: Dr. Axel Stepken
Dr. Axel Stepken ist Vorstandsvorsitzender der TÜV Süd AG und ASEAN-Sprecher im Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA). Der APA ist als Gemeinschaftsinitiative von BDI, DIHK, OAV, BGA und Bankenverband das Sprachrohr der deutschen Asienwirtschaft gegenüber der Politik in Deutschland und in den asiatischen Partnerländern. www.asien-pazifik-ausschuss.de, www.tuev-sued.de

 

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