03.03.2017
von Hans Gäng

Eberhard Veit: “Wir müssen um mindestens so viel besser sein, wie wir teurer sind”

Dr. Eberhard Veit plädiert dafür, dass die Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben und dabei den Blick auf die Wachstumsmärkte richten. Gerade dort schaffe die Digitalisierung nicht nur neue Wettbewerber, sondern auch neue Kooperationsmöglichkeiten.

Dr. Dipl. Ing. Eberhard Veit

Industrie 4.0 in aller Munde – aber als Begriff ja immer noch erklärungsbedürftig. Was ist eigentlich das Neue daran?

Der Begriff ist zu einer Marke geworden, die die Umsetzung der Digitalisierung in der deutschen Industrie beschreibt. Neue Denkansätze, Geschäftsmodelle, neue Modelle der Interaktion von Mensch und Maschine. Das haben Verbände, die Politik und die Industrie selber durchaus erfolgreich in Welt hinausgetragen. Wir sind schon ein wenig stolz, dass die New York Times oder die Chinesen den Begriff mit -ie schreiben.

Und wo steht der industrielle Mittelstand bei der Digitalisierung tatsächlich?

Es ist eine evolutionäre Revolution in Gang gekommen. Deutschlands Industrie muss jetzt sehr zügig zu neuen Geschäftsmodellen und zu neuen Formen der vernetzten Produktion aufbrechen. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen haben den Trend teilweise noch nicht ganz ernst genommen und noch nicht in der Produktentwicklung angenommen. Aber spätestens auf der Hannover Messe 2016 ist die neue Standardisierung für Hardware und Software deutlich geworden. Diese Standards haben die asiatischen Wettbewerber erkennbar schon früh sehr ernst genommen. Wenn Deutschlands Industrie jetzt nicht das Tempo beschleunigt, werden wir den Vorsprung bei Industrie 4.0 verlieren. Den schätze ich noch auf ca. zwei Jahre.

Wie sehen denn neue Geschäftsmodelle aus, mit denen der internationale Wettbewerb zu bestehen ist?

Wir können und müssen um mindestens so viel besser sein, wie wir teurer sind. Industrie 4.0 ermöglicht, dass wir den Wettbewerbsnachteil eines Hochlohnlands weiterhin kompensieren. Wir müssen von der IT-Welt lernen. Jetzt sind neue Ertrags- und Erlösteilungsmodelle gefragt. Damit sind erweiterte und smarte Dienstleistungen zu verbinden. Das sind wirksame Hebel in der harten Preiskonkurrenz mit asiatischen Anbietern. Das alte Argument, deutsche Qualität, Zuverlässigkeit, Sicherheit zahle sich für die Kunden ja aus, gilt mehr denn je. Da der Vorteil über die Prozesslaufzeiten erfolgt, dauert es nur länger, bis es bewiesen ist. Mit neuen Geschäftsmodellen können die Kunden sehr viel schneller von höherer Produktivität profitieren.

Woher soll diese neue Dynamik für Innovation und Produktentwicklung in den Unternehmen kommen?

Es ist ja nicht so, dass Deutschlands Industrie erfolglos wäre. Der deutsche Maschinenbau ist aus der letzten Krise hervorragend herausgekommen. Wir haben überall Marktanteile gewonnen und sehr wichtige Märkte gut bedienen können. Dieser Erfolg darf uns aber nicht träge machen. Jetzt ist in den Unternehmen nachzudenken, wie man sich mit Industrie 4.0 global positionieren kann. Eine Studie der Plattform Industrie 4.0 zeigt, dass erst 18 Prozent der befragten Unternehmen weiß, wie sie Industrie 4.0 für sich interpretieren werden. 23 Prozent beschäftigen sich gerade noch damit und immerhin 30 Prozent sagen, dass sie die Relevanz von Industrie 4.0 für ihr Unternehmen noch nicht verstehen. Das ist noch nicht die richtige Aufbruchsstimmung.

Und wie wäre diese zu erzeugen?

Mit den vielen und guten Initiativen im Bund oder in den Bundesländern müssen wir noch etwas mehr Druck auf den Kessel bringen. Offene Applikationsdatenbanken und lokale Netzwerke, damit die Unternehmen schneller verstehen, an was der Nachbar und Wettbewerb arbeitet, können ein Ansporn sein, für eigene Initiative oder Kooperationen. Zudem haben wir eine neue Generation von jungen Menschen, die mit der Digitalisierung des täglichen Lebens aufgewachsen sind. Diese Generation hat einen anderen Blick auf die Digitalisierung und über unseren Hype mit Industrie 4.0 können die nur müde lächeln können.

Wo sehen Unternehmen die Risiken bei Industrie 4.0 ?

Das fängt schon damit an, dass man für neue Entwicklungen ja Mitspieler bzw. Komplementärpartner braucht. Im industriellen Gesamtsystem brauchen die Hersteller Kontaktpunkte und Schnittstellen zum Andocken. Ohne Komplementäranbieter würden sie ja lediglich den Baukasten von Technologien Ihres eigenen Portfolios erweitern, ohne dass sie über ganzheitlich vernetzte Industrie 4.0-Lösungen ihre Investitionen wieder hereinspielen können. Dazu kommen manchmal die konservative Investitionspolitik von Familieneigentümer, die sich noch an den alten Amortisationszyklen und risikoarm zu investieren, orientieren. Für ganz neue digitale Produktionsplattformen sind längere Zeiträume als die üblichen Amortisation von 36 Monate ins Auge zu fassen.

Wie ist denn ein solcher Prozess des digitalen Umbaus anzugehen?

Bei FESTO hatten wir dafür den Begriff AGIL entwickelt. Das A steht dabei für ein architekturbasiertes Produktprogramm, das modulare vernetzungsfähige Angebot mit Standardschnittstellen, umgangssprachlich das „Lego-Prinzip für die Produktion“. Es hat sehr viel Zeit und Aufwand benötigt, bis die Bausteine alle zueinander passend waren. Das G steht für die neuen Geschäftsmodelle. Das große I für Innovation bedeutet Herausforderungen wie innovativ, intuitiv, internetfähig und integrierbar (4I-Technik). Das L für Lernen, schließlich ist für mich das zentrale Element: Schul- und Ausbildungssysteme müssen rasch an die neue Welt angepasst werden. Neue Lernmodelle, Lernfabriken – da sind revolutionäre Ansätze für digitales Lernen nötig. Auch hier ist der asiatische Wettbewerb sehr gut gestartet. Ich bin beeindruckt von den digitalen Lernzentren, die in China bald an den Start gehen .

Wie verändert Industrie 4.0 die globalen Kooperations- und Kundenbeziehungen?

Die bisherigen Prozesse der industriellen Kooperation sind – gerade in Deutschland und häufig in Europa – auf einer gewachsenen Vertrauens- und Wissenskultur zwischen den Unternehmen aufgebaut. Für den Kunden mit dem gesamten Wissen, das zur Verfügung steht, die passendste, optimalste Lösung zu entwickeln, das war und ist der Antrieb. Gesunder Menschenverstand, Vertrauen und Zutrauen – das “die werden das schon schaffen” – gehört zum hart erarbeiteten Markenkern deutscher Industrie. Globalisierung und Digitalisierung bedeutet mehr Anonymisierung. Kunden werden durch die Digitalisierung über Daten digital bedient. Heute finden Beratungen oft schon mit vollautomatisierten digitalen Beratungstools statt. In den Portalen der Anbieter sind ganze Produktionszellen sehr schnell am PC zu konfigurieren. Die Suche nach Lösungen wird immer transparenter und über das Internet natürlich auch ortsunabhängig. Wenn von China oder den USA aus gleicher oder vergleichbarer Service an Beratung möglich ist, passende Produkte und Komponenten kostengünstiger zu bekommen sind, ist damit das alte Konzept eines lokalen oder regionalen Marktes aufgebrochen. Die Unternehmen navigieren in einem anonymisierten und standardisierten Weltmarkt.

Verschwinden damit Alleinstellungsmerkmale der lokalen Anbieter?

Das eine ist, dass es zur Transparenz keine Alternative gibt. Wenn ich für diese Art der Interaktion mit Kunden nicht offen bin, ist es ein anderer und verschafft sich so einen Vorteil im Markt. Offene Standards und Software-Schnittstellen, vollautomatische Konfigurationstools, gute und transparente Applikationsdatenbanken – die sind einfach da und entwickeln sich rasend schnell weiter. Die Hannover Messe wird bald anstelle von Produktinnovation noch mehr die Schnittstellen zu den Kunden in den Vordergrund rücken. Die Arbeit der Applikationsingenieure im Vertrieb wird dadurch nicht verschwinden. Im Gegenteil: Die Unterstützung routinemäßiger Verkaufs- und Beratungstätigkeit durch digitale Lösungen bedeutet eine Effizienzsteigerung. Sie schafft DIE zeitlichen Ressourcen um die Arbeit an individuellen Spezifikationen der Kunden zu optimieren. So können sich Unternehmen über das Wissen, die Kreativität und die Erfahrung ihrer Mitarbeiter auch weiterhin Alleinstellungsmerkmale aufbauen.

Wie wird sich der internationale Wettbewerb entwickeln?

Wir müssen den Blick mehr auf die echten industriellen Wachstumsmärkte der Welt richten. Die sind vor allem in Asien. Am Erfolg dort entscheidet sich die Zukunft des Maschinenbaus, nicht allein aus der Absicherung des Markts hier. Und gerade dort gibt es natürlich auch die stärksten Wettbewerber. Die Unternehmen aus Deutschland werden Transparenz und Anonymisierung darum auch in umgekehrter Himmelsrichtung nutzen müssen. Auf weit entfernten Märkte, wo sie noch nicht präsent sind, wo sie nicht ausreichend Leute hinschicken können, wo sie mit der Unternehmenskultur nicht vertraut sind – dort entstehen digital neue Chancen für die deutschen Unternehmen von Mittelstand und auch für Kleinbetriebe.

Wie wichtig werden dabei globale Kooperationen?

Da die Märkte zunehmend zur Vernetzung genormte Produkte verlangen, werden aus diesen Schnittstellen auch umgekehrt Chancen für neue globale Wettbewerber. Gleichzeitig liegt darin aber auch die Perspektive für den Aufbau globaler Kooperationen, für sogenannte “Fernpartnerschaften” zwischen komplementär aufgestellten Anbietern aus Europa und China oder den USA. Das wird nicht nur öffentlich diskutiert, es wird ja bereits praktiziert. Konkret schaffen erste Kooperationen mit chinesischen Partnern Anbietern aus Deutschland ganz neue und strategische Positionen vor Ort. Globalisierung ist für niemanden eine Einbahnstrasse.

 

Das Interview ist erschienen in:

“Krise, welche Krise? Internationalisierung in bewegten Zeiten”

Ernst Leiste, Tassilo Zywietz, Hans Gäng
ISBN: 978-3-9817242-1-9 im Buchhandel oder bei Amazon

 

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