11.11.2013
von local global

Prof. Georg Spöttl: Duale Berufsbildung im internationalen Vergleich

Was sind eigentlich die Vorzüge der Berufsbildung “Made in Germany”? Prof. Georg Spöttl von der Universität Bremen fasste beim Deutschen Außenwirtschaftstag 2014 die Alleinstellungsmerkmale der dualen Berufsbildung in Deutschland zusammen.

Wenn wir von den VorzügenProf. Dr. Georg Spöttl „deutscher Berufsbildung“ sprechen, meinen wir damit das duale System. Korrekt müsste man jedoch sagen: „Das Modell der Berufsbildung in den vorwiegend deutschsprachigen Ländern Zentraleuropas.“ Die Schweiz ist viersprachig, doch ist in der Berufsbildung der deutschsprachige Bereich dominant.In Deutschland verfügen wir über ein Berufsbildungssystem, das in enger Kooperation mit den Sozialpartnern und der Politik vorangetrieben wird und den Arbeitsmarkt versorgt. Dieses ist ein Alleinstellungsmerkmal! Vor allem in Asien, den USA und den arabischen Ländern dominieren Konzepte, die nach folgender Regel arbeiten: „Gibt es irgendwo ein Problem, wird ein Training aufgelegt!“

Damit gelingt keine überzeugende, durchschlagende Qualifizierung, kein Imageaufbau, keine Entwicklung zuverlässiger, ausreichend qualifizierter Belegschaften.

Neben diesen übergreifenden, berufsbildungspolitischen Perspektiven gibt es auch noch entscheidende berufspsychologische Punkte, die dem dualen System zu einem Alleinstellungsmerkmal verhelfen:

  • Lernen im realen Arbeitsprozess – eine enge Kopplung von theoriegeleitetem Lernen in der Berufsschule und praxisorientierte Ausbildung im Betrieb. Auch diese Struktur ist in dieser Systematik nur in ganz wenigen Ländern anzutreffen.
  • Hohe Qualität der Ausbildung und seit den 1980er Jahren auch Umstellung der Berufsbilder auf die computergesteuerte Arbeitswelt, was deren Attraktivität deutlich erhöhte.
  • Hohe Qualität des Ausbildungspersonals in Betrieben und Berufsschulen. Dass betriebliche Ausbilder für Qualitätsausbildung notwendig sind, ist kaum einem Partnerland zu vermitteln und die Ausbildung von Berufsschullehrer wird nur in wenigen Ländern ernsthaft verfolgt.
  • Hohe gesellschaftliche Akzeptanz der Berufsausbildung und deren Standards – ob in Asien, Arabien, den USA u.a., Berufsausbildung ist weder für Eltern noch für Jugendliche ein akzeptabler Karriereweg. In diese Ausbildung gehen nur die besonders Schwachen, die weder für ein Studium noch für eine hochwertige Berufsausbildung geeignet sind.

Zur Stabilisierung der genannten Alleistellungsmerkmale der dualen Ausbildung gab es in Deutschland in den letzten 15 Jahren mehrere Innovationen, die zukunftsweisend sind!

Berufserfahrung

–  „Duales System“ ist mehr als nur die (Berufs-) Erfahrung am Arbeitsplatz. Entscheidend ist der Aspekt einer „persönlichen“ Führung durch den Meister oder Ausbilder. Entsprechend sind sie der Schlüssel im dualen System. Das wird häufig im Ausland übersehen. (vgl. „modern apprentieceship“ im UK und in Australien)

Vertrauen

–  Die effektive und auf weitgehendes Vertrauen basierende Zusammenarbeit zwischen Berufsschule und dem privaten Sektor gibt dem dualen System einen Grundkonsens, der die Leistungsfähigkeit des Systems entscheidend fördert.

–  Ein Grundkonsens besteht auch zwischen den Sozialpartnern in Bezug auf Anliegen und Struktur des dualen Systems. Das verhindert weitgehend „Grabenkämpfe“ in diesem Bereich, die das System zumindest schwächen würden.

–   Als markanter Stichtag für diese Entwicklung kann die Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes im Jahre 1969 genannt werden. Mit diesem Gesetz wurde in Verknüpfung mit der Sozialpartnerschaft das Prinzip der öffentlichen Verantwortung für die betriebsbasierte Berufsausbildung rechtlich verankert und die Voraussetzungen für eine institutionelle Absicherung einer systematischen und kontinuierlichen Berufsbildungsplanung geschaffen.

Leistungsanforderungen und Führung

–   Die Altersgruppe, die im dualen System als Zielgruppe angesprochen wird, ist ideal gewählt. Die Auszubildenden sind alt genug, sich auch beruflichen Leistungsanforderungen stellen zu können, aber jung genug, um das „Führungsprinzip“ durch Meister oder Ausbilder zu akzeptieren und nicht zu hohe finanzielle Ansprüche zu haben (in den USA ist das Durchschnittsalter der Lehrlinge 24 Jahre. Doch sie müssen in der Regel eine Familie unterhalten, sind nicht mehr so leicht zu „führen“, usw.)

Ausbalancierter Konsens

–   Wenngleich die Entlohnung der Auszubildenden erheblich gestiegen ist, wird sie doch nicht (wie z.B. in den USA) an den Facharbeiterlohn gekoppelt. In den USA erhält der „Auszubildende“ am Ausbildungsende nahezu das Facharbeitergehalt. D. h., für die Betriebe ergibt sich ein Finanzierungsproblem. Die Differenz in der Entlohnung macht die Ausbildung in mehrfacher Hinsicht attraktiv. Es besteht im dualen System als Gesamtsystem ein gut ausbalancierter Konsens zwischen den Auszubildenden (ich lerne, deshalb verzichte ich zu einem Teil auf Gehaltsansprüche) und den Betrieben (wir investieren in die Ausbildung, haben aber auch Vorteile am Arbeitseinsatz der Auszubildenden). Nach der Ausbildung besteht eine lukrative Chnace, das Gehalt spürbar zu verbessern.

Karrierechancen

–   Sowohl nach einer industriellen als auch handwerklichen Ausbildung bestehen über verschiedene berufliche Fortbildungsprogramme gute Chancen für eine berufliche Karriere in den Betrieben, die vor allem auf mittlere Managementpositionen zielen. Meisterpositionen sind nach wie vor sehr gefragt und werden von den jungen Facharbeitern als lukrativer Karriereschritt gesehen. Dieses motiviert, im Betrieb zu bleiben und diesen Aufstieg zu verfolgen, was nach wie vor zu einer hohen durchschnittlichen Verweildauer von Mitarbeitern in den Betrieben beiträgt.

–  Die inzwischen gewährleistete „Durchlässigkeit“ hin zu Hochschulstudiengängen ist ein weiterer Beitrag zur Aufwertung der beruflichen Bildung, weil damit das Sackgassenimage endgültig außer kraft gesetzt wurde.

Profil der Auszubildenden und der Abnehmer

–   Die hohe Anzahl der Auszubildenden und die gute Verschränkung mit dem privaten Sektor führen dazu, dass die Berufsbilder nicht nur formal anerkannt sondern im privaten Sektor auch fachkundig bekannt sind. D. h., dass bspw. ein Kfz-Reparaturbetrieb eine genaue Vorstellung vom Profil eines Bewerbers, der eine Kfz-Mechatroniker-Ausbildung absolviert hat. Ein wichtiger Beitrag dafür sind standardisierte Berufsbilder, die einer regelmäßigen Modernisierung unterzogen werden.

–   Andere Systeme müssen auch da mit „personal portfolies“ helfen, mit denen Bewerber versuchen ihre Qualifikationen dazulegen. Ihnen fehlen in der Regel standardisierte Berufsbilder und es gibt eine extrem hohe Vielfalt von Profilen, die den Überblick über die jeweils „produzierte“ Qualität unmöglich machen.

Positionierung und Profilierung der deutschen Berufsbildungszusammenarbeit zwischen der Anknüpfung an erfolgreiche Tradition und der Bewältigung der Herausforderungen der “Wissensgesellschaft”

Extensive technologische Veränderungsraten erlauben es nur noch am Arbeitsplatz selbst ausreichend zeitnah Veränderungen direkt im Arbeitsprozess substanziell zu erfassen. Lernen im Arbeitsprozess ist bereits seit langem Kernstück unseres Verständnisses von effektiver Berufsbildung, doch fehlte es uns bislang an den Instrumenten zu einer transparenten Darstellung dieses Ansatzes. Über die Aufarbeitung des Lernens im Arbeitsprozess und die Entwicklung intelligenter beruflicher Standards wird eine POSITIONIERUNG und PROFILIERUNG der deutschen Berufsbildung erreicht, die im internationalen Wettstreit um Ansätze effektiver Berufsbildung einen stabilen Wettbewerbsvorteil ermöglicht. Dieser Kontext soll einschließlich der notwendigen Steuerungsmechanismen in der Übertragbarkeit auf interessierte Länder dargelegt werden.

 

Quelle:
Der Beitrag wurde im Magazin zum Deutschen Außenwirtschaftstag 2014 in Bremen publiziert.

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