Industriepolitik tonangebend

Ein Rückblick auf Industriepolitik und Partnerland-Beteiligungen auf der Hannover Messe  (Text: Hans Gäng, 24.4.2016)

Kommt die deutsche Industrie wirklich nicht ohne politische Begleitmusik mit ihren internationalen Kunden zurecht? Die Hannover Messe ist ein gigantischer B2B-Weltmarkt, an dem Tausende von Unternehmen Zehntausenden von echten Industriekunden Lösungen für Energie, Automation und Zulieferung vorstellen. Dazu braucht es vor allem ein gutes und stets aktuelles Messekonzept. Das bekommen die treuen Aussteller in Hannover eigentlich seit Jahrzehnten. Und zwar mit zuverlässigen Updates, so wie in dieser Dekade zuerst zur Energiewende und dann zur umfassenden Digitalisierung der Produktion, die jetzt unter dem deutschen Markennamen Industrie 4.0 läuft. Was aber hat die Hannover Messe in wenigen Jahren zu einem respektablen “Davos” der Industrie gemacht, auf dem sich Politiker aus aller Welt begegnen und der nun selbst deren Mächtigster seine Aufwartung macht? Diese Serie versucht einen Rückblick auf fast zwei Jahrzehnte Industriepolitik auf der Hannover Messe.

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Hermes Award, HANNOVER MESSE 2016, copyright Deutsche Messe

Die jüngeren Beteiligungen der Partnerländer an der Hannover Messe entwickeln eine eigene Ikonographie, die um die Welt geht. Eröffnung am Sonntagabend, fernab der Messe in Hannovers Kongreßzentrum. Erwartungsvoll die Matadore der deutschen Wirtschaft in der ersten Reihe links, rechts davon die politischen Spitzen Deutschlands und des Gastlands und aller anderen Staaten. VW- und Daimler-Chefs, wichtige Aussteller und Akteure aus den die Messe tragenden Verbänden VDMA und ZVEI –  unter anderen stets gut gelaunt Eberhard Veit von Festo, Michael Ziesemer von Endress & Hauser, Wilhelm Loh von Rittal… Gleich nach dem Hermes-Award eine mehr oder weniger von Folklore getriebene Eröffnungsfeier mit Ansprache des ausländischen Staatsgasts, Schlussrede deutsche Bundeskanzlerin, Einmarsch der hungrigen 3000 zum Eröffnungsbuffet mit fast typischen Gerichten des Gastlands.

Auch der Folgetag verlief – zumindest bis zur Ankunft des Stargasts aus dem Weissen Haus – in einer gewissen Routine. Diese liefert klassische Bilder: Gemeinsamer Rundgang der beiden Regierungschefs zu wichtigen Ausstellern und Unternehmen, auch zum sogenannten Zentralstand des Partnerlands, an dem sich dessen industriepolitische Institutionen präsentieren….

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Barack Obama und Angela Merkel, Eröffnungsfeier der HANNOVER MESSE 2016, copyright Deutsche Messe

Und dann das Durchatmen der Messemacher, wenn am Montag gegen 11 Uhr sich der Pulk aus begleitender Delegation, Leibwächtern und den mit Klappleitern ausgestatteten Photographen auflöst. Dann ist der sicherheitstechnisch und organisatorisch komplizierteste Teil der Partnerland-Kommunikation erfolgreich mit Bildern für die ganze Welt zu Ende gegangen. In der Regel folgen dann noch zwei Top-Events für die industrielle Elite des Gastlands: Der sogenannte “Summit” des BDI mit dem jeweiligen Spitzenverband des Auslands und der Solo-Auftritt des deutschen Wirtschaftsministers (ohne Kanzlerln) in den Herrenhäuser Gärten. Dazu eine Vielzahl von Konferenzen und Foren, in die sich wirtschaftspolitische Administration, Unternehmen und Experten zu den Messethemen einbringen. Schließlich dann noch ein entspannter Ausstellerabend des Gastlands – mit noch einmal eigenen musikalischen Akzenten und mit den erleichterten und meist sehr gut gelaunten Managern der jeweiligen Polit-PR des Gastlands.

Hier ist einmal eine nötige Anmerkung für jüngere und ausländische Messegäste fällig: Deutschland hatte diese präsentative Hauptrolle auf der Messe auch schon einmal männlich besetzt. Das ist lange her. Seit 2006 machte Angela Merkel – rechnet man die CeBIT dazu – bis heute genau 21 Mal  in Folge (einmal sogar mit Krücken) die Eröffnung und den Rundgang in Hannover mit, bevor sie diesen morgen mit Barack Obama durchführt. Es war aber trotzdem der Amtsvorgänger, der – nicht unweit vom Kongreßzentrum in Hannover wohnend – die neue Tradition der Partnerländer begründete. Gerhard Schröder und Wladimir Putin klemmen sich gemeinsamen auf den Fahrersitz eines riesigen Fendt-Traktors – das war das Stimmungsbild aus der Halle 13, das 2005 das Partnerland Russland ikonisch prägte.

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Sepp Heckmann, 2.v.l., copyright Deutsche Messe

Sepp Heckmann, der frühere Vorstandsvorsitzende der Deutschen Messe in Hannover, soll die Idee zu einer modernen Version der Partnerland-Beteiligung nachts gehabt und sogleich auf seinem legendären Notizblock festgehalten haben. Sein Konzept, ergänzend zum Messegeschehen einen ganz großen politischen Bahnhof einzurichten, funktionierte. Es bildete die Grundlage dafür, dass die Industriepolitiker der ganzen Welt die Hannover Messe als Bühne nutzen. In der Global Business & Markets, dieses Jahr in Halle 3, haben sie auch ein fest eingerichtetes und erstaunlich erfolgreiches Forum für die industriepolitische Kommunikation. In der Serie sollen die Themen untersucht werden, die den Beteiligungen der Partnerländer ganz jenseits der mehr oder minder gelungenen Präsentationen industrielle Substanz und auch messepolitisch Nachhaltigkeit verliehen haben.

Partnerländer, so berichten die älteren und pensionierten Besucher der Hannover Messe, gebe es doch schon viel länger als seit 2005. Die alte Liste ist in der Tat lang und kaum zu recherchieren. Aber damals hat in Hannover noch eine ganz andere Musik gespielt als die der modernen Staatsmarketiers, von denen hier in der Serie die Rede sein wird. In Erinnerung ist vielen auch noch das VW-Blasorchester, das am alten Nordeingang in aller Herrgottsfrühe die Aussteller mit Swing begrüßt hat. Irgendwann um das Jahr 2000 muss das irgendjemand bei der Messe nicht mehr zeitgemäß vorgekommen sein – und still ist‘s seither am Montag, morgens am Nordeingang. Umso lebhafter war es später manchmal an einem Quasi-Fixpunkt der Partnerland-Aktivitäten: am VW-Stand in Halle 14, wo man Martin Winterkorn für einen nahezu ewigen und unverzichtbaren Bestandteil der Konzernkommunikation auf der Messe zu halten geneigt war.

Laut in Erinnerung blieb dem Chronisten auch eines der letzten alten Partnerländer: Die Phillipinen, die als Highlight eine Kapelle mit gefühlten 24 Blechbläsern in die Hallen schickten. Auch in das temporäre Zirkuszelt hinter der Halle 16. Dorthin hatten die Projektleiter das „Internationale Wirtchaftsforum“ verlegt, das der Chronist seit 1998 für die Messe organisiert hat. Genau mit Beginn der Marschmusik setzte im Zelt der perplexe Bürgermeister der chinesischen Hauptstadt samt seinem Konsekutiv-Dolmetscher zum Lobpreis seiner Industrieparks an… Den Versuch, gehört zu werden, brach dieser nach etwa 90 Sekunden ab und verließ entrüstet die unerwartet globale Plattform. Übertroffen an Beharrlichkeit im Vortrag wurden die Philippinos später nur noch von den Kosakenchören aus Krasnodar, als Russland 2005 das erste „moderne” Partnerland der Hannover Messe war. Die  Begleitmusik hat immer eine Rolle gespielt – die einer oft vieldeutigen Einstimmung zu den Großauftritten der Industrienationen in Hannover.

Die geplanten Einzelteile der Serie;

Russland 2005 und 2013: Kein Vergleich
Indien 2006 und 2015: Die auf der Schwelle treten
Italien 2010: Italien so nah, Rom soweit weg
Türkei 2007: Erdogan an der Leine
Niederlande 2014: Mitteilen und Themen beherrschen

Text : - 24 Apr 2016
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