29.03.2018
von Hans Gäng

Prof. Klaus Mangold: “Innovationen kommen aus der russischen Provinz”

Prof. Dr. Klaus Mangold zählt zu den besten Kennern der russischen Wirtschaft. In den zwanzig Jahren, die local global internationale Wirtschaftsevents organisiert und kommuniziert, sind wir ihm oft begegnet. Die legendäre Präsentation Russlands als Partnerland der HANNOVER MESSE im Jahre 2005 wäre ohne sein persönliches Engagement als damaliger Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft nicht möglich gewesen. Seither regt Klaus Mangold in jedem Jahr auf der Messe den Dialog zu Osteuropa-Themen – wie derzeit zu Industrie 4.0 oder Digitalisierung – an. Grund genug, mit ihm einmal über das heutige Russland zu sprechen. 

Prof. Dr. Klaus Mangold

 

Herr Prof. Mangold, wie gefällt Ihnen, dass Sie wahlweise als “Mr. Russland” oder “Putin-Freund” bezeichnet werden?

Ich kann damit gut leben. Sich dafür einzusetzen, dass Russland im langfristigen Interesse der deutschen Wirtschaft zurückgeholt wird in einen europäischen Dialog, ist keine Schande. Dabei weiß ich mich auch in Übereinstimmung mit vielen Kollegen in der deutschen und europäischen Wirtschaft. Dazu gehören auch kritische Positionen, die ich zur Zukunftsfähigkeit dieses riesigen Landes vertrete und die ich Russlands politischer Führung und vor allem der Wirtschaftselite deutlich mitteile. Manchmal sogar ganz öffentlich, aber das wahrzunehmen oder anzuerkennen, würde den ein oder anderen groben Holzschnitt, den es von Klaus Mangold gibt, sprengen.

Akzeptieren Sie denn das oft diskutierte “Primat der Politik” im Verhältnis zu Russland…

Ja, die Unternehmen halten sich alle an die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich die Unternehmen und ihre Verbände nicht aktiv an einer demokratischen Willensbildung in der Außen- und Wirtschaftspolitik beteiligen sollten. Sich über selbstauferlegte Denk- und Dialogverbote hinwegzusetzen, das ist übrigens bei den deutschen Unternehmern im Osthandel schon seit den 60er Jahren eine gute Tradition. Politik und Medien täten gut daran, sich auf die tiefe Kenntnis der Wirtschaft und Gesellschaft Russlands zu stützen, die zahllose engagierte deutsche und europäische Unternehmer in langen Jahren, vor Ort und in persönlichen Gesprächen gewonnen haben.

Sich über selbstauferlegte Denkverbote hinwegzusetzen, das ist bei den Unternehmern im Osthandel schon seit den 60er Jahren eine gute Tradition

Wer leidet denn überhaupt unter den Sanktionen?

Die Russen weniger, als man manchmal liest. Es gibt Importsubstitution, zumindest in den Bereichen Agrobusiness, Food und Pharma. Hier sind nach drei Jahren echte Ansätze für neue und nationale Wertschöpfungsketten zu erkennen. In der klassischen Industrie werden Importe aus dem Westen durch solche aus Asien kompensiert. In der Beschaffung sehen russische Konzerne Maschinen und Anlagen aus China oder dem sehr stark engagierten Südkorea häufig als akzeptable “Überbrückungstechnologien” bis zur erwarteten Normalisierung der Beziehungen mit der EU. In der Automobilwirtschaft bedeutet die russische Strategie zu stärkerem “local content” nicht, dass jetzt neue russische Zulieferunternehmen entstehen würden. Es sind die internationalen Unternehmen, die gerade ihre Fertigungstiefe in Russland erweitern.

Ist das dann die “Modernisierungspartnerschaft mit Russland”, über die viele Jahre gesprochen wurde?

Das ist ein programmatischer Begriff, den einst Frank-Walter Steinmeier prägte und der auch eine gute Akzentuierung zum ersten Auftritt Russlands als Partnerland der Hannover Messe abgab. Der Begriff ist nur etwas zu lange in der Welt. Wunsch und Wirklichkeit klaffen zu weit auseinander. Wir müssen realistisch sein und historisch denken: Um Russland als Industrienation voranzubringen, dazu  reicht die Beschaffung und der Einsatz modernster Fertigungstechnologien aus dem Westen nicht aus. Es bedarf eines ganz neuen Unternehmergeistes, der in der Wirklichkeit der großen Staatsunternehmen einfach nicht spürbar ist. Dort zählt vor allem Größe. Wenn Sie den Rüstungssektor herausrechnen, ist Russland bei einem Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung, der, denke ich, kleiner ist als die 20 bis 25 Prozent, die man für ein echtes Industrieland ansetzt. Eine neue Mittelklasse mit dynamischen industriellen Familienunternehmen, die in China oder Indien wie Pilze aus dem Boden sprießen, fehlt in Russland weitgehend. Es gibt damit auch keine Partner auf Augenhöhe für unsere deutschen Mittelständler. Die Strukturen, denen sie bei den immer größeren Konglomeraten gegenüberstehen, sind für sie kaum zu überschauen. Dazu kommen dann die zum Teil sehr hohen Renditeerwartungen möglicher russischer Partner.

Und wie wäre das zu verändern?

Ein industrieller Masterplan, der auch die Privatisierung wettbewerbsfähiger Bereiche aus den großen Staatsunternehmen heraus vorsieht, wäre eine echte Perspektive. Möglich wäre in einem ersten Schritt eine Liste von fünf bis zehn Kandidaten, für die internationale Technologiepartner gesucht werden und für die auch ein späterer Börsengang eine Option sein könnte. Es sollten auch jüngere russische Unternehmen, die ja schon bei Pharma, Food und vor allem in der IT erfolgreich sind, eine größere Rolle im Land spielen. Immerhin hat Präsident Putin in Sochi schon einmal eine sehr mutige öffentliche Ansage über den gewünschten Anteil mittelständischer Unternehmen an der Industrialisierung gemacht. Die genannten 40 Prozent gilt es jetzt umzusetzen, mit Zeitplänen und industriepolitischen Schritten zur Zielerreichung. Da ist natürlich auch die Dynamik in der Administration gefordert.

Das klingt ernüchtert…

Da dürfen Sie mich nicht missverstehen. Russland bleibt ein riesiger und spannender Markt, ein faszinierendes Land. Es ist elementarer Bestandteil der global immer bedeutenderen großen eurasischen Wirtschaftszone. Auf der makroökonomischen Ebene ist Russland nach schwierigen Jahren wieder auf einem guten Weg und strebt über 3 Prozent Wachstum an. Das wird auch gelingen, wenn sich der Ölpreis auf dem Level von 60 bis 70 Dollar pro Barrel stabilisiert. Wir werden auch künftig auf russisches Gas angewiesen sein – als Energieträger, der die Schwankungen bei den regenerativen Energien auffangen kann. Das ist übrigens keine einseitige Abhängigkeit. Die Russen haben in den letzten Jahren die Abhängigkeit von den Energiepreisen als weit größere Beeinträchtigung empfunden.

Entspringt daraus eine größere Bereitschaft zur Diversifizierung, zur industriellen Innovation?

Es gibt interessante und manchmal überraschende Ansätze. Auf der Hannover Messe habe ich schon 2017 mit Eberhard Veit, Michael Kleinemeier und russischen Partnern über die Perspektiven bei Industrie 4.0 diskutiert. Auf der IAA haben wir über Elektromobilität in Russland gesprochen. Bei einem Besuch bei Kamaz haben wir voll einsatzfähige Elektrofahrzeuge gesehen. Große Teststrecken für das vernetzte und autonome Fahren wären in Russland kein Problem, die Vernetzung unterschiedlicher Verkehrsträger in der Logistik könnte entlang der Seidenstrasse auch ein großes Thema für Russland werden. Es sind wirklich einige Ansätze da. Die sehen wir aber eher in den lange unterschätzten Provinzen, wie beispielsweise in Lipezk, wo ein tüchtiger Gouverneur Unternehmen wie Betterman oder Viessmann oder US-Pharmaunternehmen für die Ansiedlung in einer sehr wettbewerbsfähigen Industriezone gewonnen hat. Diese Initiativen in Russland verdienen Aufmerksamkeit durch uns und mutige Förderung.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Forschungskooperation?

Sie ist ein sehr wichtiger und hier politisch leider manchmal unterbewerteter Beitrag für die Aufrechterhaltung des Dialogs. Russland engagiert sich überraschend stark in der deutschen Forschungsfinanzierung. Der Betrag von rund 700 Millionen Euro spricht für das Interesse Russlands an Wissen und Innovation. Ich spüre dieses Interesse aber auch an der großen Beteiligung bei den Gesprächen, die die Helmholtz-Gemeinschaft in Russland veranstaltet. Bei der Grundlagenforschung ist Russland stark. Aber es kommt doch auf Technologietransfer an, auf marktfähige Produkte und Verfahren. Dazu braucht es wie gesagt unternehmerischen Spirit. Der zählt an den vielen hervorragenden Universitäten Russlands leider noch nicht zu den Kernfächern..

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