25.09.2015
von Hans Gäng

Slowakei: Das Autoland setzt auf Industrie 4.0 und duale Ausbildung

Die Slowakei hat sich auf der IAA 2015 ebenso selbstbewusst wie selbstkritisch als einer der weltweit attraktivsten Automobilstandorte präsentiert. Mit Industrie 4.0 und dualer Bildung will das Land seine industrielle Erfolgsgeschichte fortschreiben.

Können Events, auf denen Investitionsförderer ihren Standort preisen, langweilig sein? Ja, wenn die zuständige Agentur nur Rekordzahlen herunterspult und angesiedelte Investoren per Powerpoint dickes Lob für den Standort mit viel Eigenlob kombinieren. Ganz anders der Auftritt einer der erfolgreichsten Automobilstandorte auf der weltgrößten Automobilmesse: Auf ihrem mittlerweile dritten IAA-Wirtschaftstag hat sich die Slowakei sehr informativ, selbstbewusst und durchaus selbstkritisch präsentiert. Und das in “bewegten Zeiten” in Mittelosteuropa, wie Imrich Donath, Honorarkonsul der Slowakei in Hessen und Organisator des Wirtschaftstags, einleitend bemerkte.

An guten Zahlen hat die Slowakei ja durchaus einige zu vermelden. Zu erwähnen, dass sie als Produktionstandort angestammte Autoländer wie Italien auf die Ränge verweist, blieb aber VDA-Geschäftsführer Kay Lindemann vorbehalten: „Die kleine Slowakei ist ein richtige Größe auf der automobilen Landkarte geworden.“ Für Deutschland ist sie ein Handelspartner, der mit 24 Milliarden Euro Handelsvolumen „einige größere Länder“ hinter sich läßt, die Botschafter Peter Lizák – ganz Diplomat – auch nicht namentlich nennen wollte. Auch wenn es sich dabei um so hoffnungsvolle Automobilstandorte wie Indien, Brasilien, Mexiko oder auch den EU-Nachbarn Rumänien handelt.

Weltrekord: Pro 1000 Einwohner werden 178 Fahrzeuge gebaut

Natürlich erwähnte in Frankfurt auch der angereiste neue Wirtschaftsminister Vazil Hudák – bis vor kurzem noch Finanzminister der Slowakei – , dass das Land mit einer Bevölkerung von knapp 5 Millionen Einwohnern 2015 annähernd eine Million Fahrzeuge baut. Das ist ein Weltrekord, wenn man nämlich die Autoproduktion pro Kopf ausrechnet. 178 Autos auf 1000 Bewohner pro Jahr – Frankreich bringt es gerade auf 23 und sogar Deutschland nur auf 69, wie die Slowaken vorrechnen. Und wenn – wie angekündigt – auch noch Jaguar/Landrover die geplante Produktion von  200 000 Autos pro Jahr im Land aufnehmen wird, wird sich die Zahl noch einmal erhöhen

Natürlich dominiert die Automobilproduktion den slowakischen Export, mit ungefähr 35 Prozent. Aber die 17 Milliarden Euro aus dem Fahrzeugexport treiben  das kontinuierliche Wachstum des Gesamtexports und das Wachstum der slowakischen Volkswirtschaft insgesamt. Hudák prognostizierte in Frankfurt 2,7 Prozent Wachstum für 2015 und sogar 3,3 Prozent für 2016.

Wirtschaftsminister Hudák setzt auf Wissensgesellschaft

„Wir sind stolz, dass wir den europäischen Trend der Deindustrialisierung nicht mitgegangen sind“, resümierte der Minister. Die Slowakei wolle sich auch künftig als modernes Industrieland weiterentwickeln, das sich in die internationalen Wertschöpfungsketten integriert. Zu erreichen sei dies nur mit finanzieller und gesellschaftlicher Stabilität, dem wichtigsten Regierungsziel. Zudem sei aber auch die Wissenbasis der industriellen Produktion im Land zu erweitern. Hudák über das Ziel der Innovationspolitik des Landes: „Auch wir werden Industrie 4.0 fördern“. Ganz gezielt sollen Innovationscluster etwa für Robotik oder smarte Mobilität unterstützt werden. Robert Ŝimonĉiĉ, Chef der slowakischen Investitionsagentur SARIO, zeigte die neugezeichneten Landkarten der Cluster, Innovationszentren und Bildungseinrichtungen.

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Selbstkritisch wurde Minister Hudák beim Blick auf den Bildungssektor. Bei einer Arbeitslosigkeitsrate von 11 Prozent seien Veränderungen im Bildungssystem notwendig. Es sei sehr viel stärker auf die Praxis und die Beschäftigung von Schulabgängern und Absolventen auszurichten. „Wir setzen auf ein duales Bildungssystem nach deutschem Muster“, betonte Hudák.

„Das wir aber schon einmal hatten und aus unbegreiflichen Gründen abgeschafft haben“, hielt Juraj Sinay, der Präsident des slowakischen Automobilverbands ZAPSR, seinem Minister entgegen. Die 162 Mitglieder des Verbands repräsentieren 75 000 industrielle Arbeitsplätze. Für sie forderte Sinay in Frankfurt wortgewaltig Gehör für den Vorschlag einer praxisorientierten Reform des Bildungswesens. Schließlich fehlen der Industrie nach Berechnungen des Verbands in den nächsten fünf Jahren schon 320.000 Leute – 75 Prozent altersbedingt, 25 Prozent wachstumsbedingt.

“Ausbildung muss auch Sache der Investoren sein”

Bei der Suche nach Ursachen des automobilen Wirtschaftswunders der Slowakei wird man bei dem fündig, was in der globalen Sprechweise der Unternehmen „Skills“ heißt. Praxisorientierte und technische Fähigkeiten, die Sinay zugunsten einer „amerikanischen Mentalität der vielen akademischen Abschlüsse“ aufgegeben sieht. Sinay lehrt selbst an der renommierten TU Kosice im Osten der Slowakei. Er sieht die historische Position, die sich die Slowakei auf der Basis ihrer alten industriellen Produktion im Fahrzeugbau, Maschinenbau und der Rüstung ab den 90er Jahren, vor allem nach der initialen VW-Investition erobern konnte, nicht für alle Zeiten gesichert. „Fachkräftemangel“ ist auch in der Slowakei kein Fremdwort. Die Betonung liegt aber auf „Fach-“: „Wenn sie hier richtig gute Techniker brauchen, müssen Sie halt ausbilden. Das ist doch überall so“, räumte Axel Mallener – Osteuropa-Chef des fränkischen Zulieferers Brose – mit der Illusion auf,  Rekrutierung sei in der Slowakei ein Selbstläufer.

Das Ausbildungssystem nennt Mallener einen Schwachpunkt der Slowakei. Brose, das seit der Krise von 2009 weltweit kontinuierlich aus eigener Kraft wächst, fertigt in der Slowakei am Standort Bratislava. Die eigene Investition in die Bildung der Mitarbeiter sei für das Technologieunternehmen mit dem globalen Slogan „We are family“ keine lästige Pflicht, sondern Voraussetzung für die Innovationsfähigkeit.  Diese werde aber von den OEM in Preisen nicht ausreichend honoriert – auch dies auf einer VDA-Veranstaltung ein deutliches Wort. So bleibe einem Unternehmen wie Brose eben keine andere Wahl, als im globalen Produktionsverbund die Arbeitskosten genau zu reflektieren. Das Engagement in der Slowakei nennt Mallener eine „Investition in einen idealen Standort“, für den er sich persönlich eingesetzt hat. Bei den Löhnen in Polen, Ungarn, Serbien und Rumänien habe die Slowakei ja durchaus Konkurrenz gehabt. Brose habe sich – nach intensiver Abwägung aller Standortoptionen – jetzt für eine weitere Fabrik in der Slowakei entschieden. In Prievizda werden 50 Millionen Euro investiert, durch die 600 Arbeitsplätze entstehen sollen.

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Brose hat sich dabei bewusst für einen Standort in der Mitte der Slowakei entschieden. Die Westslowakei – der Speckgürtel um Bratislava herum – komme mit den stark steigenden Löhnen und dem noch größeren Mangel an verfügbaren Arbeitskräften nicht mehr in Frage. Damit sprach Mallener genau wie Jazy ein weiteres Standortmerkmal kritisch an: Die regionale Ungleichheit. Die hochentwickelte Westslowakei ist perfekt in die nach Westen ausgerichteten Logistiknetze integriert. Dort sitzen die Investoren. Der Osten des Landes mit seinem Potenzial ist nur schwer zu erreichen. Komplexe Logistikprozesse der Automobilproduktion sind schwer abzubilden. Es folgte ein leidenschaftliches und auch lokalpatriotisches Plädoyer des Automobilpräsidenten Sinay sowohl an die nationale Politik wie auch an die Unternehmen, doch auch den Osten des Landes stärker an die Wertschöpfung anzubinden.

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Dort ist mit einigen Bereichen auch die Matador-Gruppe aktiv. Einst mit 7000 Beschäftigten einer der größten Reifenhersteller in Osteuropa hat sich das Unternehmen nach der Wende und der Integration 2007 in den Continental-Konzern neu erfunden. “Das war schwer, “ berichtet Herwig Jörgl. Matador hat diversifiziert, um die Wertschöpfung auszuweiten: Engineering, neue Werkstoffe, Industrieautomation. “Wir haben Aluminium neu gelernt.“ Damit hat sich die Matador-Gruppe mit heute 1000 Mitarbeitern zum größten nationalen Tier-1-Zulieferer entwickelt, ist im Osten des Landes präsent und von dort aus sogar auf dem Weg der Internationalisierung – seit 2014 auch mit einer neuen Niederlassung in Russland.

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