06.03.2017
von Gaby Henze und Sergej Butkow

Russland für Einsteiger (2): Geschäftsessen

Taylor Davidson

Der russische Geschäftsmann wird schon beim ersten Treffen mit seinem potenziellen Partner versuchen, ihn so schnell wie möglich persönlich kennen zu lernen, nicht nur von seiner professionellen Seite, sondern eben und gerade auch von seiner menschlichen Seite. Deshalb wundern Sie sich nicht, wenn Ihr neuer Geschäftspartner in Russland schon nach dem ersten Treffen bei ihm im Büro den Safe aufmacht und eine Flasche Cognac herausholt. Der nächste Schritt könnte dann am Abend eine Einladung in ein Restaurant sein. Damit verfolgt er dann zwei Ziele: Zum einen möchte er verstehen, ob man mit Ihnen auf einer Vertrauensbasis zusammenarbeiten kann, und zum anderen macht er gerne wie alle Russen einmal einen drauf.

So etwas wie Business-Lunch ist in Russland weniger verbreitet als in Westeuropa. Man würde damit zuviel Zeit verlieren, wenn man sich schon am Mittag in der vollen Stadt treffen würde. Wenn sich der russische Geschäftsmann mit seinen Kollegen und auch mit ausländischen Partnern zum Essen verabredet, dann ist das fast immer am Abend.

Es kann schon übers Geschäft gesprochen werden, aber meistens geht man schnell zum gemütlichen Teil über. Noch bevor man das Essen ausgewählt hat, wird der Gastgeber schon Wodka bestellt haben. Geben Sie gleich zu erkennen, wenn Sie aus gesundheitlichen Gründen keinen Alkohol trinken dürfen. Man wird es akzeptieren. Sie brauchen keine Bedenken zu haben, wenn Sie einen über den Durst trinken, dass Sie dann das Ansehen bei Ihrem russischen Partner verlieren. Keineswegs, das kommt vor.

Dennoch vergessen Sie nicht, dass der Russe mehr Wodka verträgt, als Sie es gewohnt sind. Wollen oder müssen Sie gleich am nächsten Morgen weiterarbeiten, behalten Sie das im Hinterkopf. Sagen Sie auf jeden Fall, wenn Sie nichts mehr trinken wollen, sonst wird man Ihnen ohne Ende nachschenken. Sie können das Glas auch mit einem Schmunzeln umgekehrt auf den Tisch stellen, so dass man Ihnen nichts mehr einschenken kann. Sie haben damit zu erkennen gegeben, dass Sie nichts mehr trinken können. Es macht keinen guten Eindruck, ein Wodkaglas nicht ganz auszutrinken, sondern nur daran herumzunippen. Erst einen Trinkspruch, dann Anstoßen und schließlich mit einem kräftigen Schluck alles auf einmal austrinken, ohne Luft zu holen. Aber auf gar keinen Fall das Glas hinter sich auf den Boden werfen, das machen die Russen schon lange nicht mehr!

Auf Trinksprüche müssen Sie vorbereitet sein. Trinken ohne Spruch ist Trinken mit Sucht, sagt ein russisches Sprichwort. Es gibt nichts Schlimmeres, als den ersten Trinkspruch Ihres russischen Gastgebers, der vermutlich auf die Bekanntschaft gemacht wird, nicht zu erwidern.

Vor jedem Trinkspruch sollte man sich eine nette kleine Geschichte überlegen. Also, ein erwiderter Trinkspruch auf den des Gastgebers zur Bekanntschaft könnte so lauten: „Schon lange haben wir geplant, unsere Geschäftsideen von Deutschland nach Russland zu bringen. Nun sind wir da. Und wenn wir ehrlich sein sollen, dann wollten wir besonders aus einem Grund gerade hierher kommen, um mit Ihnen nach der Arbeit gemütlich zusammen zu sitzen … auf die gemeinsame Arbeit, auf weitere gemeinsame nette Abende mit Euch!“

Auf die Gesundheit, das wohl allen Deutschen bekannte Na sdarowje, stößt der Russe eigentlich gar nicht an, nur wenn er gar nichts mehr weiß und einem die Worte zu fortgeschrittener Stunde ausgegangen sind. Sollten Frauen bei dem Geschäftsessen anwesend sein, ist es quasi ein Muss auf das schwache Geschlecht anzustoßen: Sa zhenschin! Konservative, meist ältere Russen stehen als Achtung vor den Frauen zu diesem Trinkspruch sogar noch auf. Die Frauen haben sitzen zu bleiben und dem Anekdötchen mit dem Trinkspruch zu lauschen, sich dann zu bedanken und mit den Männern nach dem Anstoßen zu trinken.

 

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